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TARIQ ALI
Bush in Babylon

Tariq Ali wurde 1943 in Lahore in Pakistan geboren. Heute lebt und arbeitet der international bekannte Autor von mehr als einem Dutzend historischer und politischer Fachbücher in London. Sein Ruf als charismatischer Redner führt ihn in die ganze Welt. In seiner Freizeit beschäftigt er sich als Filmemacher, Drehbuchautor und Romancier. Nach dem Klassiker „Fundamentalismus  im Kampf um die Weltordnung“, einer Beschreibung der Krisenherde unserer Zeit und ihrer historischen Wurzeln, erschien kürzlich sein  neuestes Buch „Bush in Babylon“.

Die folgende Rede hielt Tariq Ali bereits am 16.Oktober 2003 am Mount Holyoke College in South Hadley, Massachusetts:

Nach dem 11. September, als wir in vielen Diskussionen und Gesprächen die Ursachen der Anschläge analysierten und nach Wegen suchten, eine derartige Katastrophe in Zukunft zu verhindern, hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, auch mit Vertretern der Bush-Regierung  zusammenzutreffen. Wir wollten von ihnen wissen, ob sie den Zulauf zu Organisationen wie Al Qaida stoppen oder aber den 11. September als Vorwand für den Ausbau ihres eigenen Einflußbereiches mißbrauchen wollten. Sie planten Letzteres.
Hätten sie zugegeben, dass die Verzweiflung und Verbitterung in der arabischen Welt das eigentliche Problem sind, dann hätte sich sofort die Frage nach Palästina und im Irak, die Frage nach den Sanktionen und den jahrelangen Bombenangriffen aufgedrängt. Die Bush-Regierung und ihre europäischen Anhänger, standen also vor der Wahl, entweder mit einem weiteren Krieg, weiteren Terror und weitere Gewaltangriffe zu provozieren oder zu versuchen, die Probleme auf diplomatischem Weg zu lösen, z.B. die Sanktionen aufzuheben. Laut UNESCO waren  500 000 Kinder an den Folgen dieser Sanktionen gestorben und der Mangel an Lebensmitteln und Medikamenten hatte die Menschen immer weiter in die Arme des Diktators getrieben.
Genauso dringend war die Lösung des Palästinenserproblems, denn anstatt sich mit der israelischen Besatzungsmacht zu arrangieren, werden die Menschen dort immer verbitterter, verzweifelter und zorniger. Niemand glaubt mehr der israelischen und amerikanischen Regierung, wenn sie behaupten, dass sie den Palästinensern großzügige Angebote machen, während diese alles immer nur ablehnten. Sie bieten nichts! Sie bieten ein Protektorat, ein immerwährendes Protektorat an. Das Osloer Abkommen bot uns den Status  kleiner, mickriger Bantustans an, von israelischen Strassen zerstückelt, von immer mehr Siedlungen bedroht und ständig aus israelischen Panzern beobachtet. Kein Wunder also, dass es zur 2. Intefada kam.
Es war eine doppelte Intifada, sie richtete sich nicht nur gegen Israel und Scharon, sondern auch gegen die palästinensische Führung, die dem Osloer Abkommen zugestimmt hatte. Aber Ariel Scharon war im Kampf gegen den Terrorismus ein wichtiger Verbündeter, genauso wie Wladimir Putin, der in Tschetschenien weit mehr Menschen getötet hat, als Milosevic im Kosovo.
Und die Welt sah tatenlos zu, wie  „Menschenrechte“ ein Synonym für „Besatzung“ wurden.
Je mehr sich der Westen und besonders die USA gegenüber dem, was in Palästina passiert, blind und taub stellen, um so heftiger kritisiert die israelische Presse Scharon und seine Palästinapolitik. Washington Post, New York Times, Los Angeles Times und die ganze so genannte liberale Presse bräuchten eigentlich nur diese israelische Kritik abzudrucken. Zum Beispiel das Interview von Maariv mit einem israelischer Oberst, der nach der Besetzung der Palästinensergebiete warnte, dass die israelische Armee gezwungen sein werde, die gleichen Taktiken anwenden zu müssen, wie sie die Deutschen im Warschauer Ghetto angewendet haben.
Keine New York Times, keine Washington Post, keine einzige europäische Zeitung erwähnte dieses Interview. Als der israelische Zionist und ehemalige Knesset-Vorsitzende, Abraham Burg, seine Landsleute flehentlich um Einhalt bat, erschien dieser Artikel in allen europäischen Blättern – nicht so in den USA.
Nach dem 11. September haben es die USA versäumt, Israel dazu zu bewegen, sich auf die Grenzen von 1967 zurückzuziehen und den Palästinensern zu erlauben, eine eigene demokratische und unabhängige Republik zu gründen. Dieses Versäumnis hat einen hohen Preis, denn für viele Mittelschichtskinder hätte Al Quaida so jegliche Anziehungskraft verloren.


II

Nur einen Tag nach dem 11.9. kamen die Großen des Landes im Weissen Haus zusammen: George Bush, Dick Cheney, John Ashcroft, der dichtende Justizminister, Condi Rice und Andere. Sie berieten, ob man Afghanistan oder lieber den Irak überfallen solle. Der Irak hatte mit dem 11. September überhaupt nichts zu tun. Die Al Qaida verabscheute das säkulare irakische Regime, aber Condi Rice soll gesagt haben: „Laßt uns doch den 11. September dazu benützen, der ganzen Welt zu zeigen, wie mächtig wir sind.“ Schließlich entschieden sie sich dafür, Afghanistan anzugreifen und kaum jemand spricht über diesen Krieg. Dabei geht dort alles drunter und drüber. Der machtlose Marionettenpräsident Hamid Karzai mit den malerischen Umhängen arbeitete früher für die CIA und hat auch heute eine amerikanische Leibgarde. Die Nordallianz regiert das Land. Für die Frauen hat sich nichts geändert und im Geheimen verhandelt man wieder mit den Taliban.

Warum dann noch der Krieg gegen den Irak?
Ich glaube nicht, dass es nur um Öl ging, Es ging um die Demonstration imperialer Macht. Genauso wie man mit den Atombomben auf das schon darniederliegende Hiroschima und Nagasaki die Sowjetunion demütigen wollte, sollte der Irakkrieg der ganzen Welt beweisen, wer Herr im Hause ist.
Man glaubte mir nicht, als ich vor dem Krieg warnte, dass der Irak ein unabhängiges arabisches Land mit einer langen und stolzen Tradition von Widerstandskämpfen sei und dass die Iraker die Besatzer noch mehr hassen werden als Saddam. Man glaubte den Quislingen und bezahlten Kollaborateuren, die Freudentänze und Blumensträuße versprachen. Doch vom ersten Augenblick an schlugen der Besatzungsmacht nur Mißtrauen und Feindseligkeit entgegen.

Ohne diesen irakischen Aufstand hätte man behauptet, einen triumphalen Sieg errungen zu haben. Doch jetzt begannen selbst einige demokratische Politiker, ihre Abgeordneten und  Präsidentschaftskandidaten zu fragen, warum sie für den Krieg im Irak gestimmt hatten. So wie damals Vietnam, hat nun auch der irakische Widerstand die Opposition in den USA gestärkt und die amerikanische Friedensbewegung zu neuem Leben erweckt.

Es wäre zwecklos den Widerstand im Irak mit Hilfe der UN beenden zu wollen. Wegen der Sanktionen würden die Blauhelme genau so gehaßt wie die polnischen, ukrainischen oder bulgarischen Truppen.
Aus Moskaus ehemaligen osteuropäischen Satelliten sind US-Satelliten geworden. Aus Staatsmännern wurden Geschäftsleute. Der neue Kolonialismus heißt Neoliberalismus. Vollmundig versprach man Afghanistan und Irak den Aufbau eines Gesundheits- und Bildungssystems, während man im eigenen Land dessen Ruin vorantreibt. Vom Wiederaufbau ihres Landes sollen nicht die Iraker, sondern amerikanische, französische und deutsche Firmen profitieren. Es ist „ein Krieg des Nordens gegen den Süden.“
Seinerzeit scheiterte die britische Besatzungsmacht, weil man eine Oligarchie irakischer Spekulanten geschaffen hatte. Heute ist man dabei, im Irak eine Oligarchie ausländischer Spekulanten zu etablieren. Wenn Paul Wolfowitz behauptet, dass das Problem des Iraks darin bestehe, dass so viele Fremde ins Land kämen, dann meint er allen Ernstes nicht die Besatzungsmächte, sondern Araber aus anderen arabischen Staaten!

Sollte nach freien Wahlen das irakische Parlament den sofortigen Abzug der Besatzungstruppen und die Kontrolle über das irakische Öl fordern, könnte es durchaus unverzüglich zum nächsten Regime-Wechsel kommen, denn wie wir seit 1953 in Iran und jetzt in Venezuela wissen, hat Washington es noch nie gerne gesehen, wenn Öl produzierende Länder demokratische Regierungen haben. 


III

So mancher westliche Intellektuelle und viele Medien berufen sich gern auf  kulturelle und religiöse Unterschiede, wenn sie den Arabern vorwerfen, nicht selbstkritisch zu sein und  immer nur den USA die Schuld in die Schuhe zu schieben. In Wahrheit hört man in jedem Kaffeehaus, in jeder arabischen Großstadt mehr Kritik an der eigenen Regierung als in den USA. Auch unsere berühmten Dichter, die so sehr unter Saddam gelitten haben, erheben ihre Stimme gegen die Besatzung und gegen den Nationalen Sicherheitsrat. So wird der Widerstand in den besetzten Gebieten nicht aufhören, nicht im Irak, nicht in Palästina. Vielleicht ist ja gerade das der oft zitierte kulturelle Unterschied! Denn es sind ja die USA, die die kritisierten Regierungen an die Macht gebracht haben und unterstützen.
 
Im Irak gibt es eine Opposition. In den USA dagegen ändern die Demokraten nahezu täglich ihre Meinung. Damit das nicht so bleibt, sollten sich vielleicht die Bürger der ganzen Welt an den amerikanischen Präsidentschaftswahlen beteiligen dürfen. Wir brauchen Politiker mit Verstand und wir brauchen eine lebendige Bewegung. Und um die Lügen der Regierung und der Medien zu entlarven, brauchen wir neben der Friedensbewegung auch eine starke  intellektuelle Bewegung.. Es genügt einfach nicht, nur zu denken „ Jeder, nur nicht Bush“, denn diese Regierung ist kein einmaliger Betriebsunfall. In unserer Wut über den Patriot Act und die mäßige Intelligenz des Präsidenten haben wir vergessen, dass schon in den 20er Jahren Einwanderer eingesperrt und deportiert wurden und dass bereits die demokratische Regierung die Gegner des Vietnamkrieges mit COINTEL ausspionieren ließ.

Doch der Krieg im Irak hatte auch eine gute Seite. Er  brachte eine Generation  politisch engagierter junger Leute hervor. Es war so ermutigend zu sehen, wie in Nordamerika und in Europa hunderttausende junger Menschen, Schüler und Studenten auf die Strassen gingen als auf Bagdad die ersten Bomben fielen. Mit einem Mal war es im Westen wie in den arabischen Staaten wieder „cool“, sich politischen zu engagieren. Auch wenn es nicht immer ganz leicht sein wird, nehmen wir uns diese Jungen zum Vorbild, denn „der Krieg des Nordens gegen den Süden“ braucht eine starke amerikanische Opposition.. Vielen Dank.

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