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Munich American Peace Committee (MAPC)
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19. MAPC-Beitrag bei Radio Lora am 12.7.04

Heute hören Sie eine Rede der amerikanischen Journalistin und Aktivistin Barbara Ehrenreich, deren Bestseller „Nickel and Dimed“  in Deutschland unter dem Titel „Arbeit poor – Unterwegs in der Dienstleistungsgesellschaft“ erschienen ist. Das Buch schildert die Arbeitsbedingungen im Niedrigstlohnsektor der USA.
Millionen von Amerikanern arbeiten jahraus und jahrein Vollzeit für einen Lohn, der oft unter der Armutsgrenze liegt. Barbara Ehrenreich glaubte zwar an das amerikanische Jobwunder, aber sie fragte sich, wie man mit einem Stundenlohn zwischen 6 und 7 Dollar überleben kann. So verließ sie 1998 ihre Wohnung, zog in die billigste Bleibe, die sie finden konnte und nahm jeden Job an, den man einer Hausfrau ohne Berufserfahrung anbot. Sie arbeitete als Kellnerin, Zimmermädchen, Putzfrau, Altenpflegerin und Wal-Mart-Vekäuferin. Sehr schnell fand sie heraus, dass es eigentlich keine ungelernten Arbeitskräfte gibt, denn selbst die niedrigste Arbeit erforderte große körperliche und geistige Anstrengung. Sie erlebte, dass ein Job allein nicht ausreichte, wenn man sein Leben nicht auf der Strasse fristen wollte. Barbara Ehrenreichs Beschreibung des Überlebenskampfes der amerikanischen, meist weiblichen Geringstverdiener ohne Berufsausbildung und höhere Schule, enthüllt die andere, die beschämende Seite der US-Wirtschafts-Medaille.

Sie hören die Rede, die Barbara Ehrenreich im Juni 2004 anläßlich einer Promotionsfeier an einer berühmten amerikanischen Elite Universität gehalten hat. Sie spricht über eine andere beschämende amerikanische Wirklichkeit und zwar über den Schock, den die Nachricht über die Folterung irakischer Gefangener durch weibliche US-Soldaten im Abu Ghraib Gefängnis ausgelöst hat.

Die Rede ist für die Sendung in 3 Kapitel gegliedert. Vor jedem Kapitel hören Sie die hier wiedergegebene deutsche Zusammenfassung.



Barbara Ehrenreich: Rede zur Promotionsfeier am Barnard College Juni 2004

Es ist eine wunderbare Erfahrung und eine große Ehre, mit Ihnen gemeinsam diesen Tag erleben zu dürfen.

Eigentlich hatte ich für heute eine ganz  andere Rede vorbereitet, eine Rede über exorbitante Studiengebühren, die den Armen das Tor zur Hochschulbildung vor der Nase zugeschlagen. Es war eine gute Rede, mit vielen Lachern – aber vor zwei Wochen blieb mir das Lachen im Halse stecken. Sie wissen was ich meine, denn auch Sie haben die Bilder gesehen, die zeigten, wie amerikanische Soldaten irakische Gefangene auf sadistische Weise erniedrigten und mißhandelten. Mein und auch sicher Ihr Magen haben  sich bei diesem Anblick umgedreht, aber es geschah noch etwas anderes: sie brachen mir das Herz: Bis dahin hatte ich nicht die geringsten Illusionen über die Rolle der USA im Irakkrieg, aber ganz offensichtlich völlig überzogene Illusionen über die Rolle der Frauen.

Doch dann tauchte das Photo der Soldatin Sabrina Harman auf, die mit erhobenem Daumen hinter einem Berg nackter Iraker schelmisch hervorlugt als wollte sie sagen. „Hallo Mami, hier das bin ich  in Abu Ghraib“ Wir sind also von der Banalität des Bösen zur Verniedlichung des Bösen übergegangen. Lynndie England, die einen nackten Iraker an einer Leine über den Fußboden schleift, sieht in ihren Tarnanzughosen und den hohen Stiefeln niedlich aus, aber das Gesicht des Irakers ist Schmerz verzerrt.

Hätte al Qaida eine Werbeagentur beauftragt, sie hätte kein besseres Bild wählen können. Vor zwei Wochen vergifteten  Mitglieder der von uns doch angeblich besiegten Taliban in Ostafghanistan drei kleine Mädchen, deren einziges Vergehen darin bestand, dass sie zur Schule gingen. Für diese Leute ist eine tote Frau besser als eine kluge Frau. Diese Fotos aus Abu Ghraib sind geradezu der Inbegriff fundamentalistischer, islamistischer Klischees von westlicher Kultur: sie zeigen imperialistische Arroganz, sexuelle Verderbtheit und gleichberechtigte Frauen. Wir wissen nicht, ob Harman, England und Megan Ambuhl ermuntert wurden, an diesen Abscheulichkeiten teilzunehmen, aber wir wissen, dass sie dazu nicht „nein“ sagten.

Eigentlich hätte ich gar nicht so entsetzt sein dürfen, denn bereits seit über einem Jahr gibt es Berichte über ähnliche Mißhandlungen in Guantanamo und in New Yorker Internierungslagern für Einwanderer. Wir hätten also längst ahnen können, dass Gefangenenmißhandlungen und sexuelle Erniedrigung innerhalb des riesigen US-Gefängnis-Netzwerkes nichts Ungewöhnliches sind. Seit dem berühmten Milgram-Experiment in den 60er Jahren, wissen  wir, dass unter bestimmten Umständen auch gute Menschen Böses tun. Sabrina und Lynndie sind nicht von Natur aus böse. Sie sind Arbeiterkinder, die ans College gehen wollten. Der Militärdienst war für sie der kürzeste Weg, um dieses Ziel zu erreichen. Und einmal dabei, paßten sie sich den militärischen Gepflogenheiten an.



- II -

1991 war ich gegen den Golfkrieg, aber gleichzeitig war ich stolz auf unsere Soldatinnen, die bei den Saudis nicht unerhebliche Verwirrung stifteten. Insgeheim hatte ich gehofft, dass die Militärs in Gegenwart von Frauen mehr Achtung  gegenüber anderen Menschen und anderen Kulturen zeigen würden und es so zu einem echten Frieden kommen würde.
So dachte ich damals  - doch damit ist jetzt Schluß.

Diese Fotos waren fatal,  fatal auch für die letzte moralische Rechtfertigung für den Krieg im Irak. Zuerst waren es ja die angeblichen Massenvernichtungswaffen, dann die angeblichen Verbindungen Saddams mit Osama bin Laden, so blieb als allerletzte Rechtfertigung, dass wir einen üblen, sein Volk folternden  Diktator vertrieben haben. Noch am 30. April tönte George Bush, dass die irakischen Folterkammern ausgedient hätten. Inzwischen mußten wir erfahren, dass sie weiter arbeiteten - nur das Management hatte gewechselt. Wir haben Saddam Hussein nicht abgesetzt, wir haben ihn ersetzt.

Mit ähnlichen Mißhandlungen in Afghanistan, in Guantanamo, in Internierungslagern für Einwanderer und in amerikanischen Gefängnissen, haben wir ein weit verzweigtes Folterregime, ein Imperium der Schmerzen aufgebaut.

Aber ich mußte noch etwas anderes zu Grabe tragen, nämlich eine bestimmte Form des Feminismus, oder vielleicht sollte ich sagen, eine bestimmte Form feministischer Naivität. Es gab einen Feminismus, für den Männer Täter und Frauen Opfer waren und männliche, sexuelle Gewalt die Wurzel allen Übels. Das war vermutlich richtig in den 70ern und das galt in den 90ern für die bosnischen Vergewaltigungslager. Damals glaubten wir, dass der sexuelle Sadismus der Männer eine tragische Konsequenz des menschlichen Hangs zu Gewalt sei. Das war lange  bevor wir Zeugen von weiblichem, sexuellen Sadismus wurden. Unsere feministische Naivität basierte auf falschen Theorien, falschen Strategien und falschen Visionen, denn sie ging davon aus, dass Frauen den Männern moralisch überlegen seien. Für uns hätte mehr weiblicher Einfluß die Welt automatisch gütiger, gerechter und weniger gewalttätig gemacht. Einmal als Oberbefehlshaber, Senatoren, Generäle, Richter oder Meinungsführer an der Macht, würden die Frauen natürlich alles zum Besseren wenden.

So haben wir damals gedacht und deshalb ist meine wichtigste Botschaft an Sie heute:
Wir haben uns geirrt!

Im Falle von Abu Ghraib kann man nicht einmal argumentieren, dass es nur deshalb zu diesen Mißhandlungen kommen konnte, weil es dort nicht genügend weibliche Vorgesetzte gab; denn das Gefängnis leitete die Generalin  Janis Karpinski, zuständig für die Untersuchung der Gefangenen vor ihrer Entlassung war der oberste Geheimdienstbeamte im Irak, Generalmajorin  Barbara Fast, und seit Oktober heißt das für die Besetzung des Iraks verantwortliche Regierungsmitglied  Condoleezza Rice. Die Konsequenz, die wir hieraus ziehen müssen heißt, dass weder Uterus noch Menstruation  Gewissen und Moral ersetzen können.

- III -

Ich will Sie nicht davon abhalten, für die Rechte der Frauen zu kämpfen, im Gegenteil, ich werde mein Leben lang dafür kämpfen. Aber Gleichberechtigung bedeutet nicht automatisch, dass unsere Welt gerechter und friedlicher wird. Feminismus, der sich auf die moralische Überlegenheit der Frauen stützt, ist faul und überheblich. Überheblich, weil er davon ausgeht, dass jede Errungenschaft einer Frau, sei es ein Universitätsdiplom, ein Doktortitel oder das Recht auf Militärdienst io ipso auch eine Errungenschaft für eine humanere Gesellschaft bedeutet. Und faul, weil wir dann nur einen einzigen Kampf, den Kampf um Gleichberechtigung führen müssten. Der Kampf für Frieden, für soziale Gerechtigkeit, gegen imperiale und rassistische Arroganz  bliebe damit auf der Strecke.

Frauen verändern Institutionen nicht allein dadurch, dass sie ihnen angehören. Aber und es gibt ein „ABER“, an dem all meine Hoffnungen hängen. Eine bestimmte Art von Frauen kann das und das sind Frauen wie Sie!

Wir brauchen Frauen die –„nein“ sagen können, nicht nur zu zudringlichen Männern, sondern auch zu militärischen und zivilen Vorgesetzten. Wir brauchen Frauen, die nicht wie die Jungs sein wollen, wenn diese ihre dummen sadistischen Spiele spielen. Wir brauchen Frauen, die sich nicht anpassen, sondern die Institutionen unterwandern und in ihren Grundfesten erschüttern wollen.  Sie und Sie und Sie  können diese Frauen sein! Und als die intelligentesten und am besten ausgebildeten Frauen ihrer Generation müssen Sie es auch sein.

Unser Land hat große Probleme und wird nicht nur von fundamentalistischen Fanatikern, sondern von der ganzen Welt gehaßt. Deshalb bedeutet für mich Patriotismus schlicht und einfach: Wenn die Mächtigen nicht mehr verantwortungsvoll handeln, dann  müssen wir ihnen die Macht zu entreißen. Weil auch das Projekt Feminismus weltweit große Probleme hat und von christlichen wie islamistischen Fundamentalisten gleichermaßen bedroht wird, brauchen wir Visionen, die über die Forderung nach Gleichberechtigung hinausgehen. Ein alter – keineswegs naiver Feministinnenspruch lautet: Wenn du glaubst, dass Gleichberechtigung das Ziel ist, dann ist dein Ziel zu kurz gesteckt“. Es reicht nicht, Männern, die sich wie wilde Tiere benehmen, gleichgestellt zu sein. Es reicht nicht, sich anzupassen, wir müssen eine Welt schaffen, die es wert ist, dass man sich an sie anpaßt.

Ich zähle auf Sie! Sie sind das Gesicht der amerikanischen Frauen  – nicht Sabrina, nicht Megan, nicht Lynndie, nicht Condoleezza. Lassen Sie mich nicht im Stich! Nehmen sie ihre hart erarbeiteten Diplome, Ihr Wissen und Ihr Können und mischen Sie die Gesellschaft auf!.